Test the Lesb.
Ein kulturübergreifender Vergleich lesbischer Erscheinungsformen


Zum Leben einer jeden Lesbe gehört selbstverständlich ein Urlaub auf der pittoresken Insel Lesbos, wie der Name schon sagt. Dabei stellt sich die kulturell interessierte Lesbe die Frage, ob wir heute alle Kreten oder Samen (von Kreta oder Samos) hießen, wenn die famose Dichterin Sappho auf Kreta oder Samos gestorben wäre. Ich persönlich hätte nichts dagegen, eine Krete zu sein, weil sich daraus fantastische Wortspiele ergeben wie zum Beispiel "Kreten kneten" oder "Von der Hete zur Krete." Aber stellt Euch mal vor, wir wären alle durch einen unerfreulichen Wink des Schicksals Samen statt Lesben! Bezüglich der literarischen Qualität steht das "Besamen von Damen" dem "Testen von Lesben" zwar in nichts nach, doch öffnet eine solche Bezeichnung überflüssigen Theorien vom Penisneid Tür und Tor. Aber lassen wir das, und wenden wir uns der Beantwortung der bisher noch nicht gestellten Frage des "Warum wir Lesbos besuchen müssen" zu. [...]

 
Stürzen wir uns nun auf die Frauen aus aller Welt, von denen ich im Zuge imperialistischer Überheblichkeit und aus Zeitmangel lediglich die Engländerin, die Deutsche, die Holländerin, die Griechin und die Österreicherin näher untersuchen konnte. In diesem bisher einzigartigen und international angelegten Lesben-Test nehme ich kein Blatt vor den Mund, schließlich trachtet die Wissenschaft nach der Wahrheit. Und in dieser Hinsicht bin ich eine echte Scientologin. Oder wie sagt der Anglist zu Wissenschaftlerin?

 
Die englische Lesbe
Die Engländerin tritt in großen Gruppen auf. Deshalb heißt sie im Folgenden die Engländerinnen. In diesen Gruppen werden die Individuen schnell laut und fühlen sich geborgen ob der Muttersprache, die sie dort sprechen können. Wir erkennen sie am Nacktstrand an den silbernen Ohrringen in der Brustwarze sowie an den zahlreichen Tätowierungen auf dem Rücken, auf dem Hintern und an der Wade. Insbesondere die Tätowierungen auf dem Rücken legen - in Kombination mit den Ohrringen durch die Brustwarze - die Vermutung nahe, dass es sich dabei um ein rosafarbenes T-Shirt mit Aufdruck und Paillettenfront handelt, womit ich sagen will, dass die Engländerin einer pigmentarmen Nation angehört, die sich den Urlaub ebenso gut sparen könnte, sofern es um die Aneignung eines Teints geht. Wollen wir uns einer Engländerinnen am Nacktstrand nähern, sollten wir es tunlichst vermeiden, an ihrem nicht wirklich vorhandenen rosafarbenen T-Shirt zu ziehen. Aller Wahrscheinlichkeit nach haben wir dann einen Hautfetzen in der Hand und einen Handabdruck auf der Wange. Es empfiehlt sich vielmehr, ihr mit Freundlichkeit entgegenzutreten, zum Beispiel Hilfe beim Aufblasen der Luftmatratze anzubieten. (Text: "Kann ich helpen?") . Dieses Ausmaß an Oralfixierung wird sie stutzig machen. Dann stellst du dich vor. Wenn du Inge heißt, sagst du am Besten: "My name is Inge, but you can call me 'Inch', which means centimeters in Germany, but actually it comes from Ingeborg, so you can also call me 'Inchborrow'". Das ist abgeleitet vom Zentimeterverleih und beinhaltet eine clevere sexuelle Anspielung.
Im nächsten Schritt erwähnst du fast beiläufig, dass du mit ein paar Freundinnen auf Lesbos bist. (Text: "Buy one, get three free!") Und wenn sie dann noch keinen Versuch unternimmt, dich zum Essen einzuladen, drohst du ihr mit Psychosomatik. (Text: "If you do not kiss me immediately, I will develop an allergy against you.")


Abends, in der Bar, sitzt du mit deinen Freundinnen an einem großen Tisch. Die Engländerinnen daneben. Heimlich tauscht ihr Blicke aus. Damit ihr in Kontakt kommt, schreibst du einen kleinen Brief. "We would like to play truth or dare with you, but to tell you the truth, we do not dare to ask you." Damit schmeichelst Du ihnen und sie kommen ins Grübeln, wie jemand besser englisch sprechen kann als sie selbst. Denn, und in diesem Punkt unterscheidet sich die Engländerin von anderen Lesben, die ihre Muttersprache beherrschen, die am meisten benutzte Vokabel der Inselbewohnerin lautet "Fuck." Fuck hier, fuck da. Und das nicht ohne Grund. Beim Wahrheit oder Pflicht Spielen wird deutlich, warum sie dieses Wort ständig verwendet. Sie trachtet ohne Umschweife danach, dir an die Wäsche zu gehen.


Man kann sich eigentlich vor keiner Engländerin in Sicherheit wähnen, aber das wollten wir ja gar nicht, schließlich heißt dieses Kapitel "Test the Lesb". Auf wen die Flasche auch zeigt, die Engländerin will sofort Sex. Das ist auch nicht weiter tragisch, denn Sexualität zu erleben, kann sich durchaus als fruchtbare Erfahrung erweisen. Jedoch müssen wir uns fragen, ob wir Sexualität unter den lautstarken Beifallsbekundungen einer britischen Reisegruppe erleben möchten. "Fuck her!" "Yes, fuck her!" Fuck, fuck, fuck...Man kann sich daran gewöhnen und außerdem gibt es viele Frauen, die schon sehr lange keine Sexualität mehr erlebt haben. Unter diesen Umständen wäre es mir dann persönlich auch egal, ob der Akt hinter verschlossener Türe oder aber auf dem Tisch stattfindet, wo sich eben noch die Flasche gedreht hat. Doch jetzt werde ich zu subjektiv. Nach einem kleinen Exkurs in die sprachlichen Besonderheiten und nach einer detaillierten Beschreibung britischer Sommermode, wenden wir uns im Folgenden den auffälligen sexuellen Praktiken zu, die die Engländerin kennzeichnen. Hierzu habe ich eine Freundin interviewt:
Frage: "Ulla, wie war die Engländerin im Bett?“
Ulla: "Ganz gut."
Frage: "Ist dir etwas Besonderes an ihr aufgefallen?"
Ulla: "Ja, sie hat ihr rosa T-Shirt während der ganzen Zeit nicht ausgezogen."
"Danke."[…]

 


Auszug aus „Die Mösenmafia. Lesben und andere Pauschalterroristen“ von Diana Knezevic. Copyright © 2002. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.